Inzestverbot: Der Staat als höhere Vernunft

Zur Kritik einer Staatsableitung aus dem Inzesttrieb will ich mich äußern. Eine solche wurde in der Jungle World von Marcus Garbrecht verbrochen. Leider scheint der direkte Link auf den Artikel kaputt zu sein. Trotzdem finden sich Fragmente bei „Crull“, nebst einer sehr fundierten Kritik: „Gegen das Inzestverbot, gegen die Zivilsation!“. Diese Kritik möchte ich ergänzen.

Garbrecht schreibt:

Doch in einer Gesellschaft, in der Kindstötungen, Vergewaltigungen und familiäre Gewalt immer noch alltäglich sind, ist es von Vorteil, dass Mord und Inzest justiziabel* bleiben.

Freerk Huisken nennt sowas übrigens „Die wahrscheinlich kürzeste Staatsableitung der Welt“. Und die geht so:

Man abstrahiere zunächst von sämtlichen Gründen für Mord, Vergewaltigung und Gewalt, nehme diese Dinge vielmehr voraussetzungslos als Tatsachen zur Kenntnins und beurteile fortan rein die Effektivität des Verhältnises von Rechtsbruch und Strafe.

Man trenne zweitens das Handeln in der bürgerlichen Gesellschaft von der bürgerlichen Ordnung, in der es stattfindet. Man denkte sich vielmehr den Menschen als (böses) Naturwesen, dass seine natürlichen Triebe nicht im Griff habe. Man vergesse kurz einmal, dass es nicht die Natur sondern das bürgerliche Recht ist, das die Leute in lauter Gegensätze zueinander bringt, die auch schon mal im Mord enden, und dass sich über dieser Rechtsordnung eine Moral des Rechts türmt, wo bei der Durchsetzung des privatens Rechts auf Erfolg und seiner psychologischen Variante Namens „Glück“ schon mal vergewaltigt und gemordet wird. Auch wenn man keine Ahnung hat, was Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft zu solch Dingen veranlasst, bleibt es ein freches Vorurteil, anzunehmen, der Staat hätte mit der Verfasstheit dieser Gesellschaft im Grunde nichts zu tun und sei so etwas wie ein Regulativ einer (offenkundig für sich existierenden) Gesellschaft. Die dann auch noch aus lauter Irren besteht.

Man denke sich also die bürgerliche Gesellschaft ohne ihren Staat, als eine Form von Naturzustand, um den Staat dann als vernünftige Instanz abzuleiten, die das Chaos der Natur ordne. Und endet mit dem Wahnsinn, allen Ernstes das Recht aus der Vernunft abzuleiten:

(…) (wo) Vernunft als einzige(!) Regulierung von Gesellschaft(!) noch nicht ausreicht(!).

Crull verweist an der Stelle zurecht darauf, dass die „Stimme der Vernunft“ die der Gewalt ist. Doch die Sache geht noch weiter: Marcus Garbrecht bietet hier eine Staatsableitung aus der Vernunft auf: Überall, wo es „Gesellschaft“ (welch famose Totalabstraktion von der Art und Weise der Vergesellschaftung!!! „Gesellschaft“ is always and everywhere…!) an der „Vernunft“ mangele, springe der Staat ein und sorge für einen vernünftigen Umgang miteinander. Der totalitäre und absolute Wille des Souveräns wird bestimmt als „Regulierung von Gesellschaft“, als Dienstleitung an einem Haufen Menschen, mit dessen Verfasstheit der Staat an und für sich anscheinend nicht sehr viel zu tun zu haben scheint.

_________________________________
* Nur als Fußnote, weil nicht so wichtig. Mord bleibt immer justiziabel*, weil „Mord“ eben eine rein juristische Kategorie ist. Diese scheidet die zweckmäßige Tötung im Staatsauftrag von staatlich unerwünschten privaten Tötungsakten.

Fußnote 2:

Vernunft I: Wen der Staat straft, dann steht die Vernunft außen vor. Eine vernünftige Begründung, warum man einen Rechtsbruch begangen hat, rettet niemanden vor einer Strafe. Wäre die Vernunft ein Maßstab des Rechts, dann würde der Staat versuchen, Verbrecher von der Unvernunft ihres Handelns zu überzeugen und dann wäre Aufklärung die Sache der Justiz und Strafe bei Einsicht obsolet. Ist sie aber nicht, weil nicht Aufklärung sondern Strafe die Sache der Justiz ist.

Vernunft II: Soweit ich gelesen habe, ist der Junge inzwischen steril. Trotzdem muss er in den Knast. Nicht, weil er für sich oder andere ein Gefahr darstellen würde, weil es überhaupt irgendeinen vernünftigen Grund dafür gäbe, ihn von dem Mädchen fernzuhalten, sondern weil er das Recht gebrochen hat. Und für diesen Rechtsbuch und nicht für seine Dummheit muss er büßen.


3 Antworten auf “Inzestverbot: Der Staat als höhere Vernunft”


  1. 1 tenpounds 03. April 2008 um 11:26 Uhr

    Die JW hat ihren Webauftritt erneuert, deshalb ist der Link jetzt ein anderer. Hab ich bei mir bereits geändert.

  2. 2 crull 06. April 2008 um 18:17 Uhr

    Durchaus richtige Kritik! Diese Art der Staatsableitung wird ja, um das mal etwas allgemeiner zu fassen, häufig genug genutzt, und zwar sehr erfolgreich. Das konnte man während des hessischen Wahlkampfes beobachten und das sieht man auch in jeder neuen Auflage der Debatte über Nazi-Gewalt. Paßt jetzt sogar zur Heinsberger Antifa, die dem Staat gerade vorwerfen, nicht erfolgreich genug seine Gewalt einzusetzen. Da machen die ja den gleichen Fehler, wie die, die private Gewalt als Grund für die staatliche sehen, nur mit dem Unterscheid, dass die Antifas dem Staat den richtigen Einsatz seiner Gewaltmittel nicht zutrauen.

  1. 1 Triebe surfer | Aiacompany Pingback am 10. September 2011 um 23:18 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.