Krieg der Generationen

Der US-Forscher Laurence Kotlikoff: „Jede Generation, die älter wird, versucht, die nächste auszubeuten.“
Die Senioren hätten eine starke Lobby und achteten genau darauf, dass es ihnen nicht schlechter geht. „Darunter leiden alle anderen“, so Kotlikoff in der „Welt“.

Nachdem die Renter (nein, nicht diejenigen, die von der Grundrente ihrer Mietshäuser leben) dank ihrer „starken Lobby“ dieser Jahr statt einer Senkung um 5,4% „nur“ eine Rentensenkung von 4,9% zu verkraften haben (in realer Kaufkraft, bei 6% Inflation für „rentnerspezifische“ Konsumgüter), fragt sich die BILD-Zeitung (und der Rest der freien Meinungsbildung natürlich auch): wer soll diesen Luxus bezahlen? Antwort: die Jungen!

Natürlich, möchte man sagen, denn so hat der Staat das Verhältnis von Lohnarbeitern und Lohnrentnern nun einmal eingerichtet. Bloss wäre diese Wahrheit so gar nicht BILD-gerecht, denn es würde ja auf den wahren Grund des „Generationenkrieges“ verweisen.

„Die Alten“ sollen also laut BILD auf Kosten „der Jungen“ leben. Das ist einerseits gelogen, da es ja gar nicht um „die“ Alten und Jungen geht. Es geht nicht um Rentner wie Michael Schumacher, sondern nur um diejenigen, die als Lohnarbeiter Rentenkassenbeiträge zu zahlen hatten. Ihre Renten werden – so ist das Gesetz – vom Lohn der aktuell Beschäftigten finanziert, was für diese in der Tat eine schlimme Belastung ist:

Seit 12 Jahren arbeite ich, leite derzeit die Rezeption eines Fitness-Centers. Oft habe ich die Spätschicht von 16 bis 24 Uhr, komme nie vor 1 Uhr ins Bett. Doch von den 1282 Euro brutto, die ich im Monat bekomme, bleibt nicht viel zum Leben übrig. 127 Euro muss ich in die Rentenkasse zahlen. Nach allen weiteren Abzügen (z. B. für Krankenkasse) bleiben mir 980 Euro.

, lässt BILD eine Betroffene zu Wort kommen.

BILD fasst das dann so zusammen:

Die Alten beuten die Jungen aus – das sind die Fakten: Immer weniger Beschäftigte zahlen für immer mehr Rentner! 1950 finanzierten 4 Arbeitnehmer einen Rentner, heute sind es nur noch 2. Laut Prognosen muss in 30 Jahren sogar 1 Arbeitnehmer allein für einen Ruheständler aufkommen.

4 auf 1 statt 1 auf 2 . Das klingt nach einfacher Mathematik. Freilich nur, wenn man ignoriert, dass es in Wahrheit nicht um Köpfe sondern um Geldsummen geht. Und die stehen keineswegs in einem biologischen Verhältnis zueinander.

Wahr ist: Auch wenn die Rente heute nur minimal wächst, geht es der aktuellen Rentnergeneration so gut wie keiner zuvor [Das hält die BILD für ein Lob!] . Den Anspruch darauf hat sie mit Fleiß und dem Wiederaufbau des Landes erworben [Da könnte man sich ja auch mal fragen, warum denjenigen, die alles aufgebaut haben nichts gehört in dieser Republik.]. Weil aber zu wenig Kinder geboren werden, und weil wir zum Glück alle länger leben, kann diese Jahrhundert-Rechnung kein zweites Mal aufgehen.

Wenn der Staat die jungen Arbeiter dazu zwingt, für die Rente der außer Dienst gestellten Lohnknechte aufzukommen, dann ist es natürlich die „Wahrheit“, dass die einen die anderen finanzieren. Eine „Wahrheit“, die genau solange „wahr“ ist, wie sie als „Wahrheit“ per Gesetz verfügt ist.
Übrigens: Dass die Renten sinken müssen, ist auch unter diesen Voraussetzung keineswegs notwendig. Hätten die Löhne Schritt gehalten mit dem sich verschiebenden Verhältnis von Einzahlern und Rentern, dann gäbe es das Problem nicht. Stattdessen sinken die Löhne seit vielen Jahren und die Arbeitslosigkeit tut ihr übriges dazu. Daran zeigt sich schon, dass die klammen Rentenkassen keine biologische Ursache haben.
Es ist vielmehr politischer Wille, dass die Arbeiterklasse ihren Ruhestand selbst finanziert, ein Heranziehen etwa von Kapitalvermögen zur Finanzierung der Rente ist politisch unerwünscht. Und es ist kapitalistische Logik – und auch die ist politisch gewollt – dass die Löhne (von denen die Renten abgeknappst werden) knapp zu sein haben und am besten immer weiter sinken sollen.

Die Wahrheit ist also: Der „Krieg der Generationen“ ist nichts weiter als die zynische Verschleierung dessen, dass der Staat die Armen in seiner Gesellschaft in einen Generationengegensatz zueinander gebracht hat. Und natürlich finden sich unter den Lohnarbeitern immer ein paar Deppen, die das nicht kapieren und BILD-gerecht über die Ansprüche „der Alten“ jammern.

P.S.

BILD gibt Entwarnung an der Front. „Zum Glück“ verarmten die Renter – auch dies ein politische Beschluss und nix Biologie – so massiv schnell, dass die Finanzierung ihrer Renten vielleicht doch nicht das Riesenproblem wird, für das es die BILD-Zeitung hält:

Dennoch sieht Fachmann Miegel Anzeichen, dass Ruheständler künftig stärker an den Lasten beteiligt werden: „Die Politik hat in den letzten Jahren mit Reformen reagiert, die Kaufkraft(!) der Rentner sinkt zügig.“

Und außerdem gibt es einsichtige Renter, die wissen, dass jeder Lohn eine ungerechtfertigte Anmaßung ist und Armut eine Tugend:

„Ich habe in den 60er-Jahren angefangen zu arbeiten, bis zu 150 Überstunden im Monat gemacht. Urlaub war wegen der 3 Kinder nicht drin. Und heute? Da streiken die Jüngeren schon, wenn sie wieder 40 Stunden die Woche arbeiten sollen.“ Jürgen Trautmann, Münster