Die Welle

Hölzerne Dialoge, klischierte Figuren, ein total übergeigtes Finale und gnadenlose Ranschmeiße werden nicht verhindern, dass „Die Welle“ ein Kassenerfolg wird. Dafür werden Gemeinschaftskundelehrer schon sorgen.

Schreibt das Online-Magazin „fudder.de“ – und da wird es gewiss nicht irren.

Auch die völlig verblödete Theorie des Films (und Buches), dass Faschismus die inhaltsleere Sehnsucht von Psychos nach Gemeinschaft sei, wird die Begeisterung des Publikums wahrscheinlich kaum bremsen. Die Totalabstraktion vom politischen Staatsprogramm des Faschismus und dem politischen Staatsbürgerwillen seiner Bürger ist nun einmal das pädagogische Programm der antifaschistischen deutschen Demokratie. Ich habe ungefähr 30 Kommentare aus vielen Zeitungen über den Film gelesen und nicht ein Wort darint, welchem Zweck sich die Bewegung der Welle denn nun verschrieben hätte.
Dafür konnte ich mit Hilfe der Rezensionen das fast vollständige „Wörterbuch der manipulationstheoretischen Totalabstraktionen“ zusammenstellen:

Bewegung, Gemeinschaft, Disziplin, Gehorsam, Zugehörigkeit, Konformismus, Wir-Gefühl, Nestwärme, etc.

Ich bitte alle Leser darum, diese Liste der Leerheit im Comments-Bereich noch zu ergänzen. Eine Gemeinschaft ohne Zweck und Inhalt, da will einen einer wirklich für blöd verkaufen. Ron Jones, der Autor der Romanvorlage ist sich sogar für den Umkehrschluss nicht zu blöde: Weil alles Wir-Gefühl auslösen kann, sei auch alles „Wir“ Faschismus:

Gleich ob in der Kirche, in einem Tempel oder bei der Arbeit. Das Prinzip der Welle ist immer vorhanden.

Fließbandarbeit, Wohngemeinschaft und Gruppenwichsen: alles Faschismus. Antifaschistisch (=demokratisch) sei es, immer bei jedem Tun auch noch das Gegenteil zu betreiben („check and balance“), weil es sonst totalitär wird. So einen Schwachsinn erzählt Herr Jones allen Ernstes.

Einem einzigen Kommentatoren ist, ohne allerdings eine positive Bestimmung des Faschismus abzuliefern, zumindest die Abstraktion von jedem faschistischen Inhalt unangenehm aufgefallen: Tobias Kniebe, Kinoredakteur der SZ. Ganz nett ist bei ihm auch die Abscheu gegen das Sozialkundekino, auch wenn es die eines Edeldemokraten ist:

Die Schulvorstellungen sind längst gebucht. Ein Traum, wenn man als Sozialkundelehrer mal wieder die „Aktionswoche Demokratie“ bestreiten muss, oder den „Projekttag Faschismus“, oder wie solche Sachen im Lehrplan eben heißen. Der Jugendroman „Die Welle“ von Morton Rhue ist da seit Jahrzehnten eine probate Geheimwaffe, dieser ewige Bestseller aus den Lektüreempfehlungen der Sekundarstufe – mit mehr als zwei Millionen verkauften Exemplaren allein in Deutschland.

Wie ein neuer brillanter Trainer in einer Loser-Mannschaft bisher ungeahnte Kräfte weckt, wie Robin Williams die „Dead Poets“ aufrüttelt oder Michelle Pfeiffer im Ghetto „einen Unterschied macht“ – das sind alles endlos variierte Pädagogenträume, genährt vom Glauben, dass nur ein Berufener (der Lehrer, der Trainer, Klinsmann) das Potential entfesseln kann, das in allen schlummert. Ist das jetzt schon faschistoid? Ach was.

Der böse Trick ist es, genau diesen Übersprung einfach zu behaupten. Es kommt gar nicht darauf an, wofür man sich zusammenschließt (im Film steht die „Welle“ zunächst für gar nichts), allein das Gefühl der Gemeinsamkeit ist schon gefährlich und muss die schlimmsten Kräfte entfesseln. Wer aber ausgerechnet damit vor dem Faschismus warnen will, dass er ihn aller Inhalte beraubt; wer die Gefahr ganz unhistorisch und undifferenziert in Nirgendwo verortet; und wer dann auch noch vorgibt, rettende Wachsamkeit zu verbreiten – der ist doch eher ein Teil des Problems als ein Teil der Lösung.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/428/162974

Wie sehr er mit seiner Kritik ins Schwarze getroffen hat, zeigt eine empörte Mutter in den Comments zu dem Online-Artikel:

Wo leben Sie denn, Herr Kniebe? … Inhalte sind nicht entscheidend sondern die Form.

Mehr will ich zu dem Film nicht sagen, zum Schluss aber noch den Urheber des Blödsinns, Ron Jones, mal selber sprechen lassen:

Ich unterrichtete in einer öffentlichen Highschool in Palo Alto, Kalifornien, und interessierte mich sehr für Simulationen. Ich wollte abstrakte [Ihr wisst schon, das sind diese bösen, Ideen, die man nicht anfassen kann. – rs] Ideen lebendig machen. Um Kapitalismus zu lehren, sagte ich meinen Schülern, sie sollten Waren mitbringen und diese verkaufen [Schon krass, was einem dabei ins Bewußtsein kommt – rs], um Sozialismus zu lehren ließ ich sie Geld sammeln und verteilen [So stellt man sich Kommunismus vor – rs]. Die Schüler waren es daher gewohnt, dass ich Aktivitäten ins Klassenzimmer bringe um bestimmte Phänomene zu erklären. Daher dachte ich, bei Faschismus werde ich es ähnlich machen. Ich hatte das Projekt – wie alle anderen Projekte – für einen Tag angesetzt. Ich brachte den Schülern die Idee von Disziplin nahe, verdunkelte den Raum, spielte Musik von Wagner, ließ sie gemeinsam marschieren. Sie sollten erleben, wie es ist, sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen.

Der Lehrer macht Unterricht und – welch Wunder – die Schüler machen jeden Quatsch mit, weil sie eben Schüler sind und nicht zu ihrem Vergnügen in der Schule und den Mist außerdem gewohnt sind. Und siehe da [Zirkel on]: die Manipulation „wirkt“, was man schon daran sieht, dass die Schüler das machen, was man ihnen aufgtragen hat, eine Rolle annehmen. [Zirkel off]
Nun gut, jeder Lehrer glaubt nun einmal, Unterricht wäre das wahre Leben.

Am Ende musste dann die Notbremse gezogen werden:

Der Lehrer zeigte seinen Schülern einen Film über das Dritte Reich: die große Bewegung auf Reichsparteitagen, Gemeinschaft, Disziplin, Gehorsam – und dann die großen Taten für die Gemeinschaft: Terror, Gewalt, Gaskammern. Ron Jones sah in die fassungslosen Gesichter. | einestages.spiegel.de

Und schon, leider bemerkt der Spiegel-Autor das nicht, ist die ganze Theorie der Manipulation praktisch blamiert. Denn gäbe es sie, dann hätten die Schüler jetzt gejubelt und versucht, es dem Führer nachzutun.


3 Antworten auf “Die Welle”


  1. 1 crull 19. März 2008 um 17:01 Uhr

    Eine kleine Korrektur: Der Romanautor ist Morton Rhue, Ron Jones hat „nur“ das Experiment durchgeführt. Das Experiment war Vorlage für Johnny Dawkins‘ Film „Die Welle“ von ’81, auf dem wiederum Rhues Buch basiert. Jedoch hat Jones selber mal ein Buch über den Quatsch veröffentlicht: „No Substitute for Madness: A Teacher, His Kids, and the Lessons of Real Life“. Allein am Titel kann man schon ablesen, was der sich unter Faschismus vorstellt, wie du ja ganz richtig analysiert hast.

    Ansonsten ist ja noch interessant, was die oben genannten Herrschaften als Quelle der faschistischen (oder sogar allgemein autoritären) Macht verstehen: Disziplin, Gemeinschaft und Handeln. Nimmt man das ernst, dann muß man ja überzeugt sein, ein perfekter Nazi zu sein, denn man ist es ja der eigenen Definition nach bereits! Insofern zeigt „Die Welle“ tatsächlich, daß diese Leute zu allen Schweinereien fähig sind, allerdings nicht aus den Gründen, die sie annehmen. Denn ganz egal wieviele formbetonte Mütter sich irren mögen, auf den Zweck von Diziplin, Gemeinschaft und Handlen kommt’s halt doch an. Da ihnen der allerdings schnuppe ist, kann man eben annehmen, sie genauso begeistert beim Vergasen wie beim Häuslebauen anzutreffen.

    PS: Die Verlinkung funktioniert jetzt beidseitig!

  2. 2 emal 29. Mai 2008 um 14:19 Uhr

    hhhhhhhhhhhhhh

  1. 1 MPunkt Trackback am 17. März 2008 um 11:19 Uhr
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